Story

Von Fair Trade zu Fair Trade 2.0

Ein Blick hinter die Kulissen des claro Weltladens in Aarau
Von Fair Trade zu Fair Trade 2.0

Nachhaltigkeit, fairer Handel und bewusster Konsum gewinnen heute immer mehr an Bedeutung. Der claro-Weltladen Aarau setzt sich seit vielen Jahren für Fair-Trade-Produkte und gerechte Handelsbedingungen ein. Doch wie funktioniert dieses Geschäftsmodell eigentlich? Welche Herausforderungen bringt nachhaltiger Handel mit sich?

Darüber sprechen wir in diesem Interview mit der Ladenleiterin des claro-Weltladens, Sabine Gradwohl.

Wie würden Sie den claro Weltladen in wenigen Sätzen beschreiben?
Ein kleiner, gut sortierter Laden in der Altstadt mit hochwertigen Lebensmitteln und schönen Handwerksprodukten.

Was unterscheidet den claro Weltladen von anderen Detailhändlern?
Bei uns gibt es Produkte aus fairem Handel, ergänzt durch ökologische Artikel aus den Nachbarländern und Produkten aus geschützten Werkstätten. Kurz: Nichts in unserem Laden wird mit Kinderarbeit hergestellt, Hersteller werden nicht ausgebeutet und die Umweltbelastung wird reduziert.  

Den claro-Weltladen Aarau gibt es seit 1978, seit 10 Jahren seid Ihr an der Metzgergasse 20. Wie hat sich der faire Handel in dieser Zeit verändert?
Früher verkaufte man Artikel aus Mexiko oder Indien, die Mexikaner:innen oder Inder:innen gefielen. Denken Sie an «Jute statt Plastik», das war nicht jedermanns Geschmack. Heute lassen schweizerische Designer:innen Produkte fair in Mexiko oder Indien herstellen, die den Europäern gefallen.

Ausserdem ist die Qualität viel besser geworden. Vor 20 Jahren musste man beim Kaffeekonsum eine gewisse «Leidensfähigkeit» mitbringen, wenn man nur fairen Kaffee trank.

Das Ganze hat natürlich seinen Preis…
Wenn ich mir die Preise in einem Barista-Shop oder einer Schokoladen-Manufaktur anschaue, liegen wir häufig darunter. Unsere Ladenpreise mit den Massenprodukten der Grosshändler zu vergleichen, finde ich willkürlich.

Apropos Grosshandel: auch dort bekomme ich Fair-Trade-Lebensmittel. Wo liegt der Unterschied zu Eurem Angebot?
In der Regel werden die Rohstoffe – z.B. Kakaobohnen – aus dem Weltsüden importiert und in Europa weiterverarbeitet und verpackt. Da man mit Rohstoffen nicht viel verdient, bleibt der grösste Teil der Wertschöpfung in Europa. In den letzten Jahren sind einige Firmen entstanden, die den grösseren Teil der Wertschöpfung im Ursprungsland behalten – wir nennen das Fair trade 2.0. Ein Beispiel ist die fairafric-Schokolade aus Ghana. Die Schokolade wird komplett in Ghana hergestellt, verpackt und dann in die Schweiz verschifft.

Gibt es weitere Produkte mit besonders spannenden Geschichten oder Herkunftsländern?
Auf Sansibar werden die Gewürze von 1001 Organic hergestellt, die Firmenchefs stammen aus der Schweiz; es gibt eine Reportage auf SRF darüber. Auf einer Tansania-Rundreise habe ich die Firma persönlich besucht, das war sehr spannend.

Arbeitet der claro-Weltladen direkt mit Produzentinnen und Produzenten zusammen?
Nein, wir bestellen unsere Waren über den Zwischenhändler claro Schweiz. Jeder Weltladen ist eigenständig und bestimmt sein Sortiment selbst.

Wie gelingt der Spagat zwischen sozialer Verantwortung und wirtschaftlichem Erfolg?
Wir sind von einem Verein getragen, die Mitgliedsbeiträge sind für uns eine sehr wichtige finanzielle Unterstützung. Übrigens erhalten die Mitglieder im Juli 10% Rabatt – falls jemand spontan Mitglied werden möchte (lacht).

Die Kundinnen und Kunden schätzen das Fair Trade-Angebot von Claro.
Die Kundinnen und Kunden schätzen das Fair Trade-Angebot von Claro.

Wer sind Ihre wichtigsten Kundengruppen?
In erster Linie Menschen, die guten Kaffee mit gutem Gewissen geniessen möchten. Dann Feinschmecker, die Wert auf Bio-Produkte legen – diese schätzen vor allem unseren Balsamico Bianco.

Welche Rolle spielen junge Konsumentinnen und Konsumenten?
Hier kommt unser Schmuck-Sortiment gut an; fair und trotzdem bezahlbar. Damit sind wir einzigartig in Aarau.

Wo sehen Sie noch Verbesserungsbedarf im fairen Handel?
Wenn Produzenten nicht oder zu spät liefern, können wir nicht einfach auf andere Zulieferer ausweichen. Das führt manchmal zu Lieferunterbrüchen und ist bedauerlich für unsere Kunden.

Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit?
Die sinnvolle Arbeit in einem tollen Team und die vielen positiven Rückmeldungen unserer Kunden. In unserem Laden ist Zeit für Gespräche.

Welche Herausforderungen erleben Sie als Ladenleiterin?
Neben mir arbeiten 11 Freiwillige (vor allem im Pensionsalter) im Laden, die haben natürlich mehr als 4 Urlaubswochen in ihrem Leben eingeplant. Da wird die Einsatzplanung manchmal herausfordernd (lacht). Und die Bestellungen für die kommende Saison – da wünsche ich mir häufig eine Glaskugel.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision für Claro aus?
Wir möchten eine attraktive Anlaufstelle für Jung und Alt mit Waren für jedes Budget bleiben. Gerade arbeiten wir im Vorstand an einer neuen Ladenstrategie und führen ein paar Neuerungen ein. Es lohnt sich also auf jeden Fall, öfter mal hereinzuschauen.

Wie sehen Sie die Aarauer Altstadt als Standort für Ihre Zukunft?
Im Augenblick ja, aber wir müssen schauen, wie sich die Altstadt entwickelt. Wenn es zu wenig Einzelhandel in der Umgebung hat, fehlt uns die Laufkundschaft. Aber wir sind stolz, dass es uns auch nach 50 Jahren noch gibt.

Weshalb sind Sie bei der Detailhandelsorganisation Zentrum Aarau dabei?
Beim ZENTRUM gibt es immer gute Ideen, die die ganze Altstadt in den Blick nehmen, wie z.B. die Tannenbäume im Advent. Oder Aktionen wie der Sommereinkaufstag, der die Besucher:innen für ein Einkaufserlebnis in die Altstadt locken.

Vielen Dank, Sabine Gradwohl, für den spannenden Einblick in die Tätigkeiten des claro-Weltladens.
https://www.claro-aarau.ch

claro Weltladen, Metzgergasse 20, 5000 Aarau
claro Weltladen, Metzgergasse 20, 5000 Aarau

 

von Corinne Gubler